Ma Tsun-Kuen Tai Chi Chuan – Information für Kampfkünstler
Also, was ist eigentlich das Besondere am Ma Tsun-Kuen Tai Chi-Stil? Im gewissen Sinne, gar nichts. Es ist einfach unser Ziel und unsere Leidenschaft, gutes Tai Chi Chuan zu trainieren. Wir ehren und bewundern echte Tai Chi-Meister aus jedem Stil, und wir sind für freundlichen Austausch mit Übenden von anderen Stilen und Kampfkünsten immer offen.
In der Praxis jedoch hat Ma Tsun-Kuen Tai Chi Chuan doch einige Merkmale und Methoden, die es von vielem Tai Chi, das in Europe trainiert wird, unterscheidet. Andererseits soll das natürlich nicht heißen, dass diese Schule die Weisheit gepachtet hat!
- Wir setzen eine starke Betonung auf die Einheit von Form und Funktion. Das heißt: Die Basisübungen, Formen, tui shou und Kampfanwendungen sind sehr stark miteinander verwandt – eigentlich sollten sie "die gleiche Sache" sein. Die Art und Weise, wie du eine Tai Chi-Form machst, sollte auch die Art und Weise sein, wie du Push-Hands machst – und umgekehrt. Und wie..? Entspannt (aber nicht schlaff), aufrecht (also nicht vor- und zurücklehnend), mit einer deutlichen Trennung und danach Synthese von yin and yang (doppelte Gewichtung vermeidend), mit klar fokussierter Energie, wobei die eine Technik in die nächste fließend übergeht. Die Erfahrung, die du bei tui shou sammelst, sollte also die Entwicklung deiner Form unterstützen; ebenfalls sollte dein Formtraining die Entwicklung deines tui shou-Könnens unterstützen.
Theoretisch soll dies immer der Fall beim Tai Chi Chuan-Training sein. In der Praxis aber ist es längst nicht immer der Fall.

Tuishou im 'langsamen Lernmodus': Fixed-Step, keine plötzliche Beschleunigung, freier Bewegungsfluß, auf das Zentrum des Partners zielen, womöglich saubere Techniken.
Carola + Giles
Infolgedessen machen wir, wenn wir tui shou trainieren, weder: 1) Push-Hands der "kuschelweichen Art", noch 2) wettkampforientiertes, "ringerartiges" Push-Hands. Beide Trainingsarten haben durchaus ihren Wert und können einen Einstieg in tui shou geben, je nach Ausgangstemperament. Aber bezüglich 1), auf Dauer sind manche Arten von New Dance oder Bodywork geeigneter, um diese Art von Sensibilität effektiv zu entwickeln, und bezüglich 2), welchen kampfkünstlerischen Gewinn (vom "Punktgewinn" mal abgesehen) gibt es, wenn ich meinen Partner/Gegner dazu bringe, seinen Fuß zu bewegen aber er, zum Beispiel, mir gleichzeitig ins Gesicht schlagen könnte? Das heißt nicht, dass wir Wettkämpfe ablehnen: Sie können nützlich als Feedback für das Training und als Herausforderung für den "Spirit" sein. Aber das tui shou von MTK Tai Chi Chuan ist nicht primär für Wettkämpfe gedacht.
Wir trainieren Tai Chi Chuan hauptsächlich als eine "Boxkunst", das heißt mit der Betonung auf Schlagtechniken. In den frühen Trainingsphasen setzten wir jedoch den "Push" anstatt des Schlags ein, da dieser von Anfängern besser kontrolliert werden kann und ein Lernen ohne Steifheit und zu viel Adrenalin fördert. Auf dieser Grundlage versuchen (!!) wir es zu verhindern, dass der Partner uns an verletzlichen Punkten wie z.B. Brust, Rippen, Gesicht usw. berühren kann. Dies natürlich mittels Tai Chi-Prinzipien ;-).... Auch wenn wir langsam und weich üben, vergessen wir nie, dass unser Partner theoretisch einen Schlag oder Hebel mit fa jin (schnelle Abgabe von Energie) einsetzen könnte. Mit fortschreitendem Können und Erfahrung dürfen Schüler auch chin na (Greif- und Hebeltechniken), Stöße, Schläge, Würfe und viele andere Techniken in ihrem Push-Hands einsetzen. Freie Schritte kommen dazu und ein offenes “Spiel” beginnt, entweder als fliessendes “Klebendes Sparring” oder in den Rollen von Angreifer und Verteidiger mit möglichst “schnellem Ende”. Dies jedoch immer mit einer kooperativen Einstellung. (Siehe auch unten)
- Das heißt natürlich nicht, dass wir – die Trainer und Mitglieder der Ma Tsun-Kuen-Schule – alle diese Ansätze locker beherrschen oder Kämpfertypen sind. Natürlich nicht ;-) Eher geht es darum, was und wie wir trainieren. Der Weg zum Können ist immer lang, aber dank eines sehr fachkundigen Meisters sind die Richtung und die Trainingsmethoden klar und konsequent.

MTK-Kurzform
Die Formen von Ma Tsun-Kuen Tai Chi Chuan basieren auf Techniken des Yang-Stils, sind jedoch oft anders in Betonung und Ausführung. Die MTK-Kurzform ist ein Kleinod. Sie beinhaltet nur 13 Basisfiguren, die wiederholt und auch symmetrisch ausgeführt werden, d.h. sowohl 'rechts als links herum'. Die 8 
Anwendungen von "Kranich breitet Flügel aus" und "Laute spielen"
Basistechniken von Tai Chi Chuan (peng, lü, ji, an, lieh, cai, kou, zhou) sind alle klar und explizit vorhanden. Einerseits ist diese Form in ihrer Ablauf relativ leicht erlernbar, auch für Anfänger, andererseits werden die
Figuren sehr ähnlich oder genauso in der Form ausgeführt, wie sie auch in tui shou und/oder Selbstverteidigung eingesetzt werden können. Dadurch wird die Wechselwirkung zwischen klarem und prinzipienorientiertem tui shou und Formtraining verstärkt. Selbst nach Jahren des Trainings offenbart diese kurze und anscheinend einfach Form immer neue Tiefe. Die lange Form, auf der 108er Yang-Form basiert, ist ähnlich strukturiert und verwandelt.
- Das System umfasst auch Formen für jian (gerades Schwert) und für dao (Säbel), eine schnelle Form (ebenfalls symmetrisch aufgebaut), eine praxisorientierte san shou-Partnerform und spezielle Methoden und Übungen des nei gong (innere daoistischer Körperarbeit).
Wenn wir Push-Hands üben, trainieren wir kooperativ: Betont werden das Erfahren, das Forschen und die Prinzipien (teilen von yin und yang / leer und voll; Techniken aus den Formen in den Fluss der Energien "erscheinen lassen"). Wer "den Punkt gewinnt" ist relativ unwichtig: Wenn es mir gelingt, eine deutliche und effektive Technik an meinem Partner auszuführen, bin ich glücklich – wenn es ihm/ihr gelingt, eine deutliche und effektive Technik an mir auszuführen, bin ich ebenso glücklich! Auf diese Weise – mit kampfkünstlerischer Absicht, jedoch ohne die Störfaktoren Ego und "gewinnen müssen" – lernen wir beide schneller und tiefgehender. Außerdem wird das Verletzungsrisiko sehr stark reduziert und der Spaß an der Sache deutlich gesteigert. So kann man stundenlang tui shou spielen und das Gefühl vom "Schwimmen in der Luft" wird fassbar.
- Als Konsequenz dieser Einstellung hat unsere Schule eine offene und unkomplizierte Kultur. Es gibt einen relativ strukturierten Lehrplan – aber keine rigide Hierarchie, teuere Graduierungen oder Knebelverträge. Der Verband und das Training sind offen für jeden, der dem Weg folgen will und
der eine freundliche Einstellung und Begeisterung für diese Kampfkunst mitbringt. Gutes Tai Chi
Chuan zu lernen ist sowieso schwer genug – wir wollen es nicht noch schwerer machen!
Fernando Chedel unterrichtet offene, stilunabhängige Seminare über Tai Chi Chuan (Prinzipien,
Form und Funktion in Push-Hands) in mehreren europäischen Ländern und gibt auch intensives,
spezifisches Training für Mitgliedern der Ma Tsun-Kuen-Schule.
- Trotz der kampfkünstlerischen Betonung des Ma Tsun-Kuen Tai Chi Chuan, betrachten wir körperliche Selbstverteidigung nicht als das ultimative Ziel. Auf Dauer wäre das menschlich eine 'Sackgasse'. Stattdessen nutzen wir den Ansatz der Tai Chi-Kampfkunst als eine Methode, um nicht nur den Körper sondern auch den Geist und das Herz zu trainieren. Wir müssen die Kampfkunst ernst nehmen, sonst verlieren wir an Fokus und Tiefe. Aber das Wichtigste ist, Gesundheit auf jeder Ebene (körperlich, geistig, emotional) zu kultivieren und dein volles menschliches Potential zu realisieren.